Hotel Ibiza – Salvador da Bahia
Hotel Ibiza – 24 Stunden bis ins Paradies
Salvador da Bahia. In den gepflasterten Gassen des Pelourinho fällt der Monsunregen und nagt mit seiner dichten Feuchte an den historischen Fassaden. Grünspan, der sich hartnäckig in der salzhaltigen Meeresluft hält, funkelt bereits wieder an vielen Hauseingängen.
Unweit vom Praça da Sé drängeln hellhäutige Touristen vor den verspäteten Stadtbussen, sich nervös umschauend. Mißtrauisch werden Bettler und zu aufdringliche Händler gemustert, die sich in der Dämmerung mit Pappkartons voller Kaugummis, Süßigkeiten und Zigaretten an sie heranmachen. Im Schatten eines Hauseingangs lungert ein Uniformierter, der das Treiben gelangweilt beobachtet und mit einem farbigen Riesen schwatzt, der mit nackten Oberkörper an einem Stück Holz schnitzt. Das rostige Küchenmesser in dessen Faust blinkt hin und wieder auf, so als ob es über die groteske Szenerie lauthals lachen würde.
Einen Steinwurf entfernt versammeln sich die Obdachlosen und Crack-Raucher aus der Cidade Baixa (Unterstadt), die allabendlich mit dem Fahrstuhl, dem Elevador Lacerda, aus den Schluchten der Großstadt emporschweben, um sich vor der Catedral Basílica do São Salvador in kleine Gruppen aufzuteilen. Ihre aufgeblähten Bäuche stehen in auffälligem Kontrast zu ihren abgemagerten Körpern. Und auch die Straßenkinder sind wieder da, die immer mit den drei Kokosnüssen vor den Touristen jonglieren, um sich so einen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen.
In der Rua do Bispo hingegen ist Zahltag. Hier ist immer Zahltag, zumindest im Hotel Ibiza. Der bucklige Portier zählt konzentriert die Tageseinnahmen, während er die Videokamera im Blick behält. Es herrscht Betrieb. Vor der schmiedeeisernen Gittertür, die auch als Filmrequisite hätte dienen können, pulsiert das Leben in der schmalen Gasse. Man trinkt, raucht, snieft, lacht, streitet – und liebt sich später in den verschachtelten Zimmern des Hotel Ibiza. Ein Ausstieg auf Zeit aus dem harten Straßenalltag, oft beflügelt von Drogen. Jorge Amado, Salvadors berühmtester Schriftsteller, bemerkte dazu einmal: „Das Volk ist stärker als die Armut. Auch wenn das Überleben vor lauter Schwierigkeiten und Grausamkeiten fast unmöglich erscheint, das Volk lebt, kämpft, lacht, gibt nicht auf.“
Und während der Fernseher in den Zimmern das Brüllen und Stampfen der Unglücklichen auf den nächtlichen Gassen übertönt, werden die verschachtelten Zimmer zu Trutzburgen und Inseln des Glücks – zumindest für wenige Stunden.
GEPOSTET VON RALF FALBE 11/2009
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