Belém – Tor zum Amazonas


Landgang. Die deutschen Touristen von der AIDA drängeln sich auf dem schwankenden Steg, werden von einem Fotografen an der Pier abgepasst und zur fröhlichen Miene für das Bordalbum animiert. Mit preußischer Disziplin sammeln sich Kinderwagen, Best Ager, verliebte Pärchen und füllige Rambo-Verschnitte in paramilitärischer Kampfuniform an der Mole. Wildes Amazonien – hier kann ein Mann noch ein Mann sein. Die Brasilianer im Schatten der Estaçião dos Docas staunen mit offenem Mund, mutet der Auftritt dieser fremden Wesen mit der harten Aussprache doch an wie der laute Auftritt von aufgeregten Marsmenschen. Die demonstrativ gut gelaunten und dynamischen Reiseführer schicken schließlich ihre Schäfchen – behängt mit glitzernden Camcordern und güldenen Digitalkameras – auf Sightseeing-Tour, skeptisch beäugt von der heute auffallend zahlreichen Polizeigruppe am Hafen. Das Spektakel in der Mittagshitze löst sich so schnell auf wie eine Fata Morgana und die Händler am Ver-o-Peso Markt dürfen wohl auf gute Geschäfte hoffen. Belém, die boomende Metropole im Amazonas-Delta, feiert im Jahr 2012 nicht nur den 396. Geburtstag, sondern erfreut sich auch einer wachsenden Anzahl von Touristen und Kreuzfahrern aus Übersee. Während Marabá im südlichen Pará – ein dauerhafter Konfliktherd zwischen Großgrundbesitzern und Umweltschützern – stets eine negative Presse als gewalttätigste Stadt Brasiliens erfährt, gilt Belém hingegen als Eldorado für Ökotouristen und als Tor zum Amazonas.

Nicht nur die Aktivisten Zé Claudio und Maria do Espirito Santo wurden 2011 in Marabá spektakulär aus dem Hinterhalt erschossen, allein 1150 Morde an engagierten Umweltschützern wurden hier in den vergangenen 20 Jahren registriert. Morddrohungen gehören im südlichen Pará zur Tagesordnung, geht es in dem Geschäft der Holzindustrie doch um gigantische Gewinne. Zur Rechenschaft wird kaum einer der verantwortlichen Killer oder Hintermänner gezogen, die Kontakte und Seilschaften der Viehzüchter reichen bis weit in die Hauptstadt Brasilia. Man schweigt besser und arrangiert sich, denn 75 Prozent der Fläche des abgeholzten Regenwalds werden für Weiden genutzt, die für den lukrativen Fleischexport unabdingbar sind. Ein Riesengeschäft mit Rindfleisch, Tropenholz und Getreide, bei dem unbeugsame Kleinbauern und aufmüpfige Aktivisten nur stören. Und die brasilianische Regierung lässt die Menschen, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen, allein.

Belém. In der African Bar gut situierte, hellhäutige Jugendliche aus offensichtlich reichem Hause – man zeigt sich in teurer Markenkleidung und spielt demonstrativ mit dem neuen iPhone. Nicht wenige fahren mit dem eigenen Geländewagen – die Scheiben tief abgedunkelt – vor, der von Parkwächtern eilfertig auf freie Stellflächen gelotst wird. Eine betrunkene Indianerin, die ein paar Münzen schnorren will, wird vom Sicherheitsdienst mit eisiger Miene abgefertigt. Hier wird man Zeuge, wer von dem Big Business im Regenwald profitiert.

Nebenan im Cine Olympiá an der Praça República laufen einheimische Kurzfilme und Dokumentationen, produziert von kreativen Filmemachern aus ganz Pará. „Açai com jabá“ gilt als Geheimtipp, selbst die beiden Paulistas – Einwohner von São Paulo – auf der Durchreise fragen nach einer Kopie auf DVD. Açai, die kalorien- und vitaminhaltige Frucht ist die traditionelle Mahlzeit für die Amazonasregion schlechthin und so spiegelt die kleine Komödie die lokale Kultur auf das Trefflichste wider. Trotzdem es draußen regnet und der Eintritt gratis ist, verirren sich kaum Menschen in den Kinosaal. Nicht wenige ziehen die täglichen Telenovelas – die einheimischen Seifenopern –  im staatlichen Fernsehen vor.

Szenenwechsel. Daniel aus Belo Horizonte verteilt zwei Aspirin. Die Großmutter lässt ihre Hüften ausgelassen im Samba-Rhythmus kreisen, während andere sich noch am Buffet mit Feijoada den Bauch vollschlagen. Es ist Sonntag und wie überall in Brasilien zählt nur ein kaltes Bier, Musik und Tanz. Zwei Freundinnen ziehen verstohlen eine Flasche Campari – einschließlich Limetten und ein in Zeitungspapier gewickeltes Messer – aus der Handtasche. Mit ausgewiesener Sorgfalt werden die Drinks großzügig unter dem Tisch gemischt, hier wird nicht gegeizt. Es gilt in Stimmung zu kommen und das möglichst schnell und billig. Am Nachbartisch verteilen aufgeräumte Politaktivisten gratis Ausgaben ihres Magazins Resisténcia, gefördert und finanziert auch von der deutschen Heinrich Böll-Stiftung und vom Evangelischen Entwicklungsdienst. Die Band gibt derweil ihr Bestes, während vor der Tür bereits mobile Bierstände Stellung beziehen. Leere Dosen, an einer Schnur nebeneinander aufgereiht, zeugen auch Analphabeten und Betrunkenen vom einseitigen Angebot. Ein schnelles Geschäft ohne Schnickschnack.

Vor dem Lokus erstes Gedränge, einige Frauen schlüpfen in ihrer Not auch in die Herrentoilette, andere erleichtern sich – ruckzuck ist das Kleid hochgeschoben – im Sitzen auf dem Flur und blockieren nebenbei den Ausgang. Es wird chaotisch. Draußen setzt die tropische Dunkelheit ein und weitere Menschen strömen hinzu. Schwitzend bewegt sich die Menge auf der winzigen Tanzfläche und schließlich auch auf der Straße. Die Großmutter tanzt immer noch wie besessen, neben ihr eine Gruppe Studentinnen in knappen Outfits, welche bereits deutliche Bierflecken aufweisen. Das Aspirin beginnt zu wirken – vieleicht auch das Bier – und wir werden eins mit der wogenden Masse. Ein ganz normaler Sonntag in Belém.

Henrique stammt aus Porto Alegre im Süden Brasiliens, die Kälte hat ihn nach Belém verschlagen, wo er sich nun als Taxifahrer verdingt. Probleme mit der Sicherheit? Man arrangiert sich: Tagsüber steht er an der Estaçião dos Docas und um Mitternacht beendet er konsequent seine Schicht. Andere erzählen von den Crack-Junkies, die nachts an der Straße Taxis heranwinken, um die Fahrer zu überfallen. Nicht wenige Taxistas in Belém sind daher gut bewaffnet und nehmen nur noch Funktouren an, verzichten gänzlich auf zwielichtige Fahrgäste zu nächtlicher Stunde am Straßenrand. Crack – die neue Geißel Brasiliens.

Und die Kommunalpolitik? Das heftig umstrittene Staudammprojekt Belo Monte am Rio Xingú vernichtet mal eben den Lebensraum von rund 20.000 Menschen, darunter indigene Stämme, die um ihre Zukunft betrogen werden. Schon jetzt brennen die Regenwälder rings um die grüne Lunge der Erde. Die meisten Steuergelder von Pará versickern ohnehin in der Wirtschaftsmetropole Belém. Während im Süden die Straßen durch Regenfälle kaum passierbar sind und kratergroße Schlaglöcher aufweisen, zeigt sich Parás Hauptstadt als attraktive Drehscheibe mit glitzernden Wolkenkratzern und modernen Veranstaltungshallen wie den Hangar. Internationale Stars wie der Rapper Pitbull wissen die Kaufkraft der einheimischen Jugend durchaus zu schätzen und präsentieren hier gerne ihre neuesten Hits.

Die Stimmen mehren sich, die daher eine Teilung Parás in drei neue Bundesstaaten fordern, um die Steuergelder im östlichen Amazonien gerechter zu verteilen. Es bleibt wohl fraglich, ob sich die kritischen Geister durchsetzen werden.

Gut zu wissen:

Unterkunft: Amazónia Hostel, Nazaré, www.Amazoniahostel.com.br, ab 38,- Real mit Frühstück.

Essen und Trinken: Mercado Municipal am Hafen, großzügige Tellergerichte zu Mittag für 6,- Real.

Musik und Tanz: The Beatles Bar, Mormaço (Eintritt 10,- Real), African Bar (Eintritt 10,- Real)

Information: Amazónia Tipica Journal, www.amazoniatipica.com.br

© Gepostet von Ralf Falbe 02/2012, © Fotos by Ralf Falbe

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